Im Februar 2026 starb ein Zugbegleiter, angegriffen im Dienst. Danach folgte das, was Staatskonzerne in solchen Momenten tun: ein Sicherheitsgipfel, eine Pressemitteilung, ein Aktionsplan. Und eine Technologieentscheidung.
Seither trägt DB-Personal im Fernverkehr Bodycams. Demnächst sollen sie auch Ton aufzeichnen, zunächst auf zwei Monate begrenzt in einer Pilotregion. Bis Ende 2026 sollen rund 2.700 weitere Beschäftigte im Bahnhofsservice die Möglichkeit bekommen, freiwillig eine Kamera zu tragen. Die Bahn gibt jährlich rund 200 Millionen Euro für Sicherheit aus; das neue Sofortprogramm addiert 50 Millionen dazu. Was sie dagegen nicht tut: das Personal auf dem Bahnsteig substanziell aufstocken. Die 200 zusätzlichen Kräfte der DB Sicherheit verteilen sich auf ein Netz mit über 5.700 Bahnhöfen.
Das ist keine Sicherheitspolitik. Das ist Buchführung.
Das stärkste Argument der anderen Seite verdient seinen Platz. Die Kamera ist nicht wirkungslos. Wer weiß, dass seine Tat gefilmt und belegt wird, überdenkt sie vielleicht. Gewerkschaften — auch die EVG, die gleichzeitig Doppelbesetzungen fordert — begrüßen die Bodycams ausdrücklich, weil sie Beleidigungen und Bedrohungen dokumentieren, die früher spurlos blieben. Und wer einen Überfall auf einen Zugbegleiter vor Gericht bringen will, braucht Beweise. Die Technik liefert sie.
Das stimmt. Aber es ist eine Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat. Die Frage war: Wie schützt man Zugbegleiter und Bahnhofspersonal vor körperlichen Angriffen? Nicht: Wie dokumentiert man sie besser?
Die Bahn selbst gibt die Abschreckungswirkung als erhoffte Wirkung aus — als Deeskalationsmittel. Doch wer in einem Regionalzug um 23 Uhr auf einen Schaffner losgeht, hat die Kamera am Revers des Gegenübers entweder nicht gesehen oder es ihm gleichgültig sein lassen. Impulsgewalt — Schubsen, Bespucken, Schläge, 781 Fälle einfacher Körperverletzung allein im ersten Halbjahr 2026 — folgt keiner Kosten-Nutzen-Kalkulation, die eine blinkende LED aufhebt. Das ist keine Spekulation, das ist die Lage, die die Statistik zeigt: Die Kameradichte steigt, die Übergriffszahlen steigen mit.
Datenschützer benennen dazu eine eigene Komplikation. Der Hessische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit ist in den Pilotversuch eingebunden — konkrete Auflagen, die über das allgemeine Gebot anlassbezogener, minimierter Aufzeichnung hinausgehen, sind öffentlich nicht dokumentiert. Die Rechtslage nach § 201 StGB, der die heimliche Tonaufnahme unter Strafe stellt, ist für den gewerblichen Kontext nicht abschließend geklärt. Die Bahn erklärt, sie prüfe die rechtlichen Fragen laufend. Ein Pilotversuch, der beginnt, bevor die Grundlage steht, ist kein Versuch — er ist eine vollendete Tatsache, die nachträglich abgesichert werden soll.
Das Sofortprogramm kostet 50 Millionen Euro. Darüber, wie viel davon auf Hardware und wie viel auf Personal entfällt, schweigt die Bahn. Was bekannt ist: Die 200 zusätzlichen Sicherheitskräfte sind eine Zahl, die klingt, als ob etwas passiert. Auf 5.700 Bahnhöfe gerechnet ist sie eine Pointe.
Der Maßstab hier ist die Effizienz-Achse — nicht im betriebswirtschaftlichen Sinn, sondern im politischen: Welche Maßnahme verändert die Lage, gemessen an dem, was sie kosten soll? Eine Kamera am Revers archiviert. Ein zweiter Mitarbeiter im Zug ist anwesend. Das ist der Unterschied, den die EVG benennt, wenn sie Doppelbesetzung fordert — und den die Bahn mit dem Verweis auf Kosten beiseitelegt, während sie ein 50-Millionen-Sofortprogramm ankündigt.
Der Staatskonzern Deutsche Bahn steht nicht ohne Druck da. Gewalt gegen Personal ist real, der öffentliche Erwartungsdruck nach dem Tod eines Zugbegleiters war enorm, und Technologie lässt sich schneller beschaffen als Fachkräfte in einem angespannten Arbeitsmarkt. Das ist die Lage. Aber die Lage erklärt eine Entscheidung, sie rechtfertigt sie nicht.
Die Bahn hat alles getan, was man tut, wenn man zeigen will, dass man handelt. Sie hat einen Sicherheitsgipfel ausgerufen, ein Sofortprogramm aufgelegt, Kameras verteilt, einen Pilotversuch angekündigt. Was sie nicht getan hat, kann man nachlesen: Die Gewerkschaft fordert Doppelbesetzung. Die Bahn verweist auf Bodycams.
Der nächste Zugbegleiter, der angegriffen wird, ist gut dokumentiert.
